Eigentlich soll an dieser Stelle ein Weblog entstehen. Solange ich jedoch keinen Schimmer habe, wie das technisch funktioniert, läuft die Rubrik unter diesem Arbeitstitel. In regelmäßigen Abständen werden hier aktuelle Ereignisse aus psychologischer Sicht beleuchtet - gedacht als kleiner Beitrag, um das oft so eigenartige Verhalten unserer Mitmenschen ein wenig verständlicher zu machen ...
20. November 2011
Einmal Loser, immer Loser? Mit Verlierern geht die Natur wenig zimperlich um
In der vergangenen Woche mussten gleich zwei Regierungschefs ihren Hut nehmen: der Grieche Papandreou und der Italiener Berlusconi. Doch so schmerzlich diese Niederlagen für die Betroffenen sein mögen - sie können froh sein, keine Mokassinschlangen zu sein. An dieser Stelle mag nämlich ein Seitenblick in die Natur trösten: Alle Niederlagen, die unser Alltag bringt, sind nichts im Vergleich zu dem, was manch tierischer Verlierer erlebt. Mokassinschlangen zum Beispiel. Sind die einmal einem Gegner im Kampf unterlegen, ist es ihnen für den Rest des Lebens praktisch unmöglich, jemals wieder zum Sieger zu werden. Denn bei ihnen ist der sogenannte Loser-Effekt zu beobachten: Ein Verlierer wird nie mehr zum Gewinner, selbst dann nicht, wenn er später gegen einen schwächeren Gegner antritt. Die Erfahrung der Niederlage gräbt sich tief in die Psyche des unterlegenen Tieres ein und lähmt die Lust am Kampf. Gewinnertypen mit Nehmerqualitäten sind daraus nie mehr zu formen. Auch vollmundige Comeback-Ankündigungen wie die Berlusconis würden daran nichts ändern.
Folge dieser Traumatisierung freilich ist ein allgemein friedfertiger Umgang, denn die Tiere gehen weiteren Kämpfen künftig aus dem Weg und versuchen, ohne Rangeleien mit den Kollegen auszukommen.
Andere Arten hingegen lassen sich sowohl von Niederlagen als auch von Siegen beeindrucken. Ratten, Schwertfische oder Wölfe erhöhen ihre Siegeschancen, wenn sie einmal eine Auseinandersetzung gewonnen haben. Diese psychologischen Effekte haben drastische Auswirkungen auf die hierarchische Organisation der Spezies - und ihr Aggressionsniveau. Arten nämlich, die nur den Loser-Effekt kennen, wie Gorillas, leben unter dem ranghöchsten Alpha-Tier relativ gleichberechtigt zusammen. Arten dagegen, die sowohl den Winner- als auch den Loser-Effekt kennen, bilden lineare und durchstrukturierte Hierarchien, vergleichbar dem klassischen Wirtschaftsunternehmen, in dem ständig um Macht und Status gerangelt wird: A dominiert B, B dominiert C und so weiter. Diese Gesellschaften pflegen einen ähnlich aggressiven Umgang wie Teams, in denen eine Beförderungsrunde ansteht, oder Parteien, die nach einer gewonnen Wahl Posten zu vergeben haben. Aufstieg ist bei ihnen nur durch Kampf möglich, und der spielt folgerichtig eine große Rolle.
Was zeigen uns diese Studien aus der Verhaltensforschung? - Die Natur geht manchmal schonungslos mit Verlierern um, doch die Sensibilität dafür, dass sich eine Niederlage wiederholen könnte, kann friedfertig machen. Parallelen zu menschlichem Verhalten sind natürlich rein zufällig - und mögen zumindest ein kleines Trostpflaster für die nächste Niederlage sein. Und die kommt bestimmt, auch wenn man Silvio Berlusconi heißt…
12. Oktober 2011:
"And the winner is…“ Nobelpreise 2011 – oder die männliche Freude an der Systematik
Wieder einmal wurden die wissenschaftlichen Nobelpreise für Medizin, Physik, Chemie und Wirtschaft verliehen, und wie so oft – auch diesmal keine Frau darunter. Einen Grund dafür versteht, wer einen kleinen Ausflug in Flora und Fauna unternimmt und sich an die Fersen von Avifaunisten heftet. Der amerikanische Bestsellerautor Jonathan Franzen tut es, Kaiser Friedrich II tat es, und Millionen anderer Männer weltweit tun es auch: Sie beobachten Vögel. Allerdings nicht so wie man einer vorüberziehenden Wolke nachschaut, sondern systematisch: früh aufstehen, nur mit dem Fernglas raus und jeden Sichtungserfolg auflisten. Passionierten Avifaunisten, so der Fachterminus, entgeht nicht, wenn die Zahl der Feldschwirle im Brutgebiet zunimmt. Seismografisch registrieren sie, wie sich die Waldschnepfe im Vergleich zur Uferschnepfe entwickelt, der Zilpzalp zum Fitis. Den Gesang einer Art unterscheiden sie nach süd- und norddeutschem Dialekt. Und was man aus anderen Bereichen der männlichen Welt kennt, bricht sich zunehmend auch unter Hobby-Ornithologen Bahn: der Wettbewerb. In England und den USA längst Tradition, starten auch in Deutschland immer mehr zum alljährlichen „birdrace“, bei dem nicht die Vögel rennen, sondern ihre Beobachter. In Teams mit Namen wie Raumpatrouille Oriolus,Die Uhologen oder Borussia Zippammer sichten sie in bundesweiten Rennen, an einem Tag so viele Vogelarten wie möglich. Und – unerlässlich für verschworene Männergemeinschaften - gilt auch hier ein Ehrenkodex: Keine Art wird gelistet, die nicht tatsächlich vor den Linsen aller Mannschaftsmitglieder flatterte, pickte oder brütete. Warum tun Männer das? Diese Frage stelle ich mir seit 1992, als ich einen Urlaub an der Seite eines Vogelkundlers verbrachte. War es eine Kanareninsel, Island oder die Hebriden? Ich weiß es nicht mehr, nur das Sitzen auf harten Felsen ist unvergessen. Gesprochen wurde wenig, die Konzentration meines Begleiters war aufs Fernglas gerichtet. Basstölpel fehlten noch auf seiner Liste. Unsere Wege trennten sich nach dem Urlaub. Für immer. Leider.
Warum also tun Männer das? Die Psychologie, selten um eine Antwort auf existenzielle Fragen verlegen, bringt auch hier Licht ins Dunkel. Simon Baron-Cohen, Autismusforscher und Psychologie-Professor in Cambridge, fand eine mögliche, wenn auch nicht unumstrittene Antwort. Nach Experimenten mit Babys und Kleinkindern, nach Tierversuchen und Messungen pränataler Hormonspiegel ist er überzeugt, das Männerhirn, der „S-Typ“, werde schon im Mutterleib auf systematisches Denken geeicht. Gesteuert werde diese Spezialisierung genetisch sowie durch die Testosteron-Produktion während und nach der Schwangerschaft. Je höher der Testosteron-Spiegel, um so spezialisiertere Interessen entwickelt ein Kind in seinem späteren Leben, bis hin zum Hobby-Ornithologen, Forscher und - eben auch Nobelpreisträger.
Die friedliche Vogeljagd wie die entbehrungsreiche Arbeit im Labor vereint drei ur-männliche Passionen – Jagdinstinkt, Wettbewerb und den Drang zur Systematik. Avifaunisten wie Forscher tun also nichts anderes als ihrer natürlichen Bestimmung zu folgen. Es sind die Hormone. Nur wenn irgendwann keiner mehr mit ihnen in Urlaub fahren will, sollen sie sich halt nicht wundern…
8. Oktober 2011: „Ich kann den Scheiß nicht mehr hören!“ - Warum Fluchen uns weiterhilft
Die verbale Attacke von Kanzleramtsminister Ronald Pofalla gegen seinen Parteikollegen Wolfgang Bosbach provozierte ein kurzes, aber heftiges Rauschen in der deutschen Öffentlichkeit. Im Streit um den Euro-Rettungsschirm sollen Sätze gefallen sein wie „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“ und „Du machst mit deiner Scheiße alle Leute verrückt.“ Quer durch die Parteien äußerte man sich entrüstet, not amused bis belustigt angesichts dieser Wortwahl. „Wir nehmen keine Kraftwörter in den Mund“, das lernen schon Kinder, wenn ihnen einer dieser tollen Ausdrücke entschlüpft, die kurz und knapp so wunderbar deutlich machen, dass man sich soeben geärgert hat. Neulich erzählte eine Bekannte, sie raste bei Konflikten mit ihrer Schwiegermutter regelmäßig so heftig aus, ob das akzeptabel sei und was sie dagegen tun könne. Entspannungstechniken, Familienberatung, Kommunikationstraining - der Markt ist groß. Doch entdecken Forscher auch abwegige Methoden der psychischen Stabilisierung, etwa, dass es gelegentlich durchaus wohl tun kann, seine guten Manieren zu vergessen – und kräftig zu fluchen. Das ist nämlich eine ganz ausgezeichnete Methode für brenzlige Situationen, auch wenn sie aus gutem Grund nicht zu den etablierten therapeutischen Techniken zählt. Davon ist Richard Stephens von der britischen Keele University überzeugt. Geflucht und geschimpft wird in praktisch allen Kulturen, „es ist ein weltweites linguistisches Phänomen“, beruhigt uns Stephens. Und seine Studie zeigt einen möglichen Grund: Es hilft, Schmerzen zu ertragen. Stephens bat Versuchspersonen, eine Hand in eiskaltes Wasser zu tauchen. Durften sie dabei fluchen, hielten sie die Tortur länger aus als beim Aussprechen neutraler Wörter. Ursprünglich hatten die Forscher spekuliert, dass fluchende Personen dem Eiswasser kürzer standhalten, weil sie sich in den Schmerz hineinsteigern und ihn so verstärken. Doch das Gegenteil ist der Fall, Fluchen erhöht die Widerstandskraft. Adrenalin wird freigesetzt, Herzfrequenz, Muskelspannung und Blutzuckerspiegel steigen. Die Alarmreaktion versetzt den Fluchenden in eine erhöhte Abwehr- und Fluchtbereitschaft, hemmt seine Angst und verändert die Schmerzwahrnehmung. Und was bei körperlichen Schmerzen hilft, kann auch psychisch nutzen, wie eine weitere Studie über das Fluchen während der Arbeit zeigt. Yehuda Baruch, Management-Professor in Norwich, entdeckte, dass Schimpfwörter uns helfen, Gefühle auszudrücken, Stress abzubauen und die Solidarität unter Angestellten zu fördern. Auf längere Sicht erhöhe das die Motivation. Allenfalls von Kraftausdrücken gegenüber Chef und Kunden rät der Forscher ab. Gelegentlich scheint es also ratsam, seine guten Manieren im Interesse der psychischen Stabilität links liegen zu lassen. Pofalla hat seiner Psyche - für den Moment jedenfalls - Gutes getan. Leider äußerten sich weder Baruch noch Stephens bislang über Schwiegermütter. Den wirklich wichtigen Fragen des Lebens weichen Forscher eben doch gerne aus...